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Die Sixtinische Kapelle

Deckengewölbe

Mit seinen 800 Quadratmetern Freskenmalerei ist es das größte Meisterwerk Michelangelos und einer der bedeutendsten Gemäldezyklen der Welt. Das Werk wurde im Mai 1508 begonnen, daraufhin wurden die Arbeiten für zirka ein Jahr lang eingestellt und vom September 1510 bis August 1511 wieder aufgenommen. Die Kapelle wurde feierlich von Julius II. am 1. November 1512 eingeweiht. Das ikonographische Programm knüpft an die Themen der Seitenwände an und zeigt das lange Warten der Menschheit auf das Erscheinen Christi, die Prophezeiungen, die dieses Ereignis verkünden sowie die Schöpfungsgeschichte. Alle Figuren sind in eine monumental gemalte architektonische Struktur eingefügt, die teilweise das wirkliche Gewölbe überdeckt. Die Malereien können in drei Bereiche unterteilt werden:

Erster Teil: in den dreieckigen Stichkappen und den Lünetten über den Fenstern sind die Vorfahren Christi angebracht laut der Liste des Matthäus-Evangeliums (1, 1-17). In engen Raum eingezwängte Männer und Frauen stellen die Menschheit und die aufeinanderfolgenden Generationen dar. Durch ihre Posen und unterschiedlichen Verhaltensweisen drücken sie das Warten auf die große Offenbarung aus: die Figuren scheinen erschöpft und leidend, oft gequält und ungeduldig in ihrer Inaktivität und der unendlich langsam verstreichenden Zeit, die sie von der Geburt Christi trennt. Einige dieser Gemälde lassen eine unglaubliche Kunstfertigkeit erkennen, wie zum Beispiel die des Matthan (auf der Wand des alten Eingangs) und die des Josaphat (in der Mitte der Wand mit den Christusgeschichten). Diese Fresken sind mit schnellen Pinselstrichen und sehr fließenden Farben aufgetragen worden. In den vier Eckzwickeln sind Episoden dargestellt, die in Bezug auf die Befreiung des Volkes Israel stehen. Ausgehend von der Wand des alten Eingangs findet man:
-rechts, “Judith und Holofernes”: gezeigt wird der Moment, in dem die junge Hebräerin den Kopf des assyrischen Generals Holofernes an ihre Magd übergibt, nachdem sie ihn trunken gemacht und getötet hatte. Holofernes hatte zuvor vom babylonischen König Nabuchodonosor den Befehl erhalten, das israelitische Herr anzugreifen. (Judith 13, 8-10);
- links sieht man den Zwickel mit der Episode von “David und Goliath”. Während das Krieges zwischen Hebräern und Philistern stellte sich der junge David mutig dem Kampf gegen den Riesen Goliath. Dieser hatte geschworen, das jüdische Volk zu versklaven, wenn es ihm gelänge, das israelitische Heer zu vernichten (1. Buch Samuel 17, 41-51).

Die Stichkappen in Richtung des Jüngsten Gerichtes stellen folgendes dar:
- rechts erinnert die eherne “Schlange an die Bibelgeschichte”, in der der Herr den Israeliten Nattern zur Strafe sandte. Auf ihrer Wanderschaft zum Gelobten Land hatten sie entmutigt von den Entbehrungen Gottes Zorn und den Moses’ heraufbeschworen (Numeri 21,8). Nachdem das Volk sein Verhalten bereute, wurde ihm beim Marsch in die Wüste verziehen. Gott befahl daraufhin Moses, eine eherne Schlange zu gießen. Jeder, der diese nach einem Schlangenbiss anschaue, werde geheilt.

- links die Bestrafung Hamans, eine Episode aus dem Buch Ester, die an den Tod eines jungen “Wesirs Namens Haman” erinnert. Dieser hatte ein Edikt gegen die Juden verkündet bei dem jeder, der sich nicht vor dem König verneige, mit dem Tod bestraft werden sollte. Ester aber, der Gattin des Persischen Königs, gelang es, das Dekret zurückrufen zu lassen. Auf diese Weise rettete sie das Volk Israel und sandte den Wesir Haman in den Tod. Über den Stichkappen sind nackte Bronzefiguren in symmetrischen Posen und mit Ochsenschädeln zu sehen, die als klassische Ornamente auf Opferriten hindeuten.
Zweiter Teil: Im äußeren Wandstreifen sieht man auf mächtigen Thronen sitzend und von nackten monochromen Putten begrenzt, die herrlichen Figuren der sieben biblischen Propheten und der fünf heidnischen Sybillen. Sie alle haben die Ankunft Christi vorausgesagt. Die unterschiedlichen Personen werden im Hintergrund von Engeln oder Putten begleitet, was ihre Bedeutung hervorheben soll. Eine jede Figur ist ein Buch lesend oder ein Pergamentpapier entrollend dargestellt in einer sowohl außergewöhnlichen geistigen als auch körperlichen Anstrengung. Zu den schönsten Figuren zählen die delphische Sibylle, der Prophet Ezechiel und Jonas. Letzterer ist neben dem Fisch dargestellt, in dessen Bauch er drei Tage verbrachte, die gleiche Zeitspanne wie Christus vor seiner Auferstehung.

Dritter Teil: die mittleren Rechtecke bestehen aus neun Szenen, vier größere und fünf kleinere aus dem Buch der Genesis. Drei Episoden betreffen die Schöpfung der Welt, drei die Geschichten Adams und drei die Begebenheiten aus dem Leben Noahs. Michelangelo begann die Ausmalung des Deckengewölbes mit den letzter genannten Episoden, vielleicht weil er sich die Szenen, in denen der Schöpfer auftritt, für später aufsparen wollte. Die drei Schöpfungsakte beginnen mit dem Bild der “Trennung des Lichts von der Finsternis” (Genesis 1, 3-4). Es dominiert hier die Figur des Schöpfers, die in ein rosa Tuch eingehüllt ist und fast den gesamten zur Verfügung stehenden Raum einnimmt in einer äußerst komplexen perspektivischen Ausführung. Jüngste Studien, die im Zuge der Reinigung des Freskos durchgeführt wurden, haben belegt, das Michelangelo es an einem einzigen Tag geschaffen hat. Darauf folgt die “Erschaffung der Gestirne und der Pflanzen” mit einer asymmetrischen Zweiteilung bei dem in beiden Teilen die Gestalt Gottes zu sehen ist. Rechts ist er frontal dargestellt mit einer alles umfassenden Geste, während er die Kreise der leuchtenden Sonne und des blasseren Mondes erschafft. Links ist er in einer gewagten Rückenansicht dargestellt bei der Schöpfung der Pflanzen (Genesis 1, 12-16). Das dritte Bild ist die “Scheidung der Erde von den Wassern” (Genesis 1, 7-9), das durch eine nie zuvor gewagte perspektivische Ansicht beeindruckt. Danach sieht man die sehr berühmte “Erschaffung Adams”. Den leicht nach links verlegten Schwerpunkt des Bildes stellen die Hände der Protagonisten dar, die sich gerade voneinander gelöst haben. Der Körper Adams ist herrlich anzusehen. Die in ein rosafarbenes Tuch gehüllte Gestalt Gottes umringen flügellose Engel mit erstauntem Gesichtsausdruck. Interessant ist die Tatsache, dass beide Figuren des Schöpfers und Adams nach der selben Kartonvorlage ausgeführt wurden, sozusagen gemäß der Aussage in der Bibel: “Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis” (Genesis 1,27). Es folgt nun die “Erschaffung Evas”.


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