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Die Sixtinische Kapelle

Die Sixtinische Kapelle verdankt ihren Namen dem auftraggebenden Papst Sixtus IV. della Rovere (1471-1484). Er wollte einen neuen, großen Raum schaffen, an dem Ort, wo sich die “Cappella Magna” befand, ein befestigter Saal aus dem Mittelalter, in dem sich der päpstliche Hof bei Sitzungen versammelte. Der päpstliche Hof zählte zu jener Zeit etwa 200 Mitglieder und setzte sich aus 20 Kardinälen, Vertretern von Ordensgemeinschaften und bedeutenden Familien, Mitgliedern des Kirchenchores und einer Vielzahl von Laien und Dienern zusammen. Die Sixtinische Kapelle musste auch eine Schutzfunktion gegenüber zwei drohenden Gefahren bieten: zum einen die Signoria von Florenz, der Hof der Medici, mit dem sich der Papst in ständigem Konflikt befand.
Zum anderen die türkischen Truppen von Mohammed II., die gerade in jenen Jahren die Ostküste Italiens bedrohten. Mit dem Bau wurde Anfang des Jahres 1475 begonnen, dem von Sixtus IV. ausgerufenen Jubeljahr. Man beendete die Arbeiten am 15. August 1483 mit der feierlichen Einweihung der in den Himmel aufgefahrenen Jungfrau gewidmeten Kapelle durch den Papst. Der Entwurf des Architekten Baccio Pontelli verwendete die mittelalterlichen Mauern bis zu einem Drittel ihrer Höhe. Laut einiger Wissenschaftler entsprächen die Ausmaße des Raumes (40,23 m Länge, 13,40 m Breite und 20,70 m Höhe) denen des großen Salomontempels in Jerusalem, der 70 n.Chr. von den Römern zerstört wurde. Vor dem Haupteingang in die Kapelle, der sich gegenüber dem kleinen Eingang befindet, der heute gewöhnlich benutzt wird, liegt der großartige Audienzsaal “Sala Regia”. Bogenfenster sorgen für ausreichenden Lichteinfall und das Tonnengewölbe verbindet sich mit den Seitenwänden durch Lünetten und Stichkappen. Der Chor auf der rechten Seite bot einst den Sängern Platz, während die steinernen Sitze auf drei Seiten des Raumes, ausgenommen die Altarseite, dem päpstlichen Hof vorbehalten waren. Die feingearbeitete Chorschranke aus dem 15. Jahrhundert mit Kandelabern darüber teilt den dem Klerus bestimmten Raum von dem der Allgemeinheit bestimmten Bereich. Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie zurückversetzt, um den ersten Raum zu vergrößern. Der herrliche aus dem 15. Jahrhundert stammende Mosaikboden wurde nach mittelalterlichen Motiven gearbeitet und ist bis heute intakt erhalten.
Als 1481 die architektonische Struktur vollendet war, berief Papst Sixtus IV. berühmte florentinische Maler wie Botticelli, Ghirlandaio, Cosimo Rosselli und Signorelli zu den Arbeiten in der Kapelle wie auch umbrische Maler wie Perugino und Pinturicchio. Sie dekorierten die in drei horizontale Abschnitte unterteilten und von eleganten vertikalen Lisenen versehenen Seitenwände. Der untere Bereich wurde mit in Freskentechnik gemalten Damastvorhängen mit den päpstlichen Insignien versehen. Darüber hängte man Gobelins auf (einige der von Raffael und seinen Gehilfen ausgeführten Gobelins aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts können heute in dem ihm gewidmeten Saal der Vatikanischen Pinakothek besichtig werden). Im mittleren und wichtigsten Teil sind biblische Szenen aus dem Leben Moses und dem Leben Christi dargestellt, die beide als Retter der Menschheit angesehen werden. Im oberen Bereich auf Fensterhöhe ließ Sixtus IV. in einfarbige Nischen Porträts der ersten Päpste anbringen, um so die Kontinuität seines Mandates mit seinen Vorgängern zu zeigen. Die Decke der Kapelle war, wie eine heute in den Uffizien aufbewahrte berühmte Zeichnung belegt, bis zu den Lünetten von dem Maler Pier Matteo d’Amelia mit goldenen Sternen auf himmelblauem Grund verziert. Es war dann schließlich an dem Neffen Sixtus’ IV., dem unternehmungsfreudigen Giuliano della Rovere, der unter dem Namen Julius II. (1503-1513) Papst geworden war, sich um die Vollendung der malerischen Dekoration des Kapelleninnenraumes zu kümmern. Er berief im Zuge einer grandiosen Stadtsanierung Michelangelo Buonarroti (1475-1564) nach Rom. Dem damals schon in Florenz berühmten Künstler hatte er schon zuvor andere Aufträge anvertraut. Michelangelo stimmte nicht ohne anfängliches Widerstreben zu, das Deckengewölbe mit Fresken auszumalen. Das Werk wurde in vier Jahren harter Arbeit vollendet (von 1508 bis 1512) und hat als Thema die Menschheitsgeschichte vor dem Erscheinen Christi. Das Fresko an der Wand mit dem “Jüngsten Gericht” wurde hingegen vom gleichen Künstler einige Jahre später ausgeführt, nämlich von 1536 bis 1541. Papst III. Farnese (1534-1549) berief Michelangelo zu den Arbeiten und bestätigte damit den schon von seinem Vorgängers Papst Clemens VII. (1523-1534) vergebenen Auftrag. Thema ist das unabwendbare Schicksal aller Menschen, deren Geschick von Gott als allerhöchster Richter bestimmt wird.

- Die biblischen Geschichten an den Seitenwänden
An den Wänden sind links mit Blick auf der Jüngste Gericht Szenen aus dem Alten Testament dargestellt mit Ausschnitten aus dem Leben Moses, dem Befreier des jüdischen Volkes. Rechts sieht man Episoden aus dem Neuen Testament mit Geschichten aus dem Leben Christi, dem Erlöser der Menschheit. Die Darstellungen können auch parallel zueinander gesehen werden. Ursprünglich gehörten dazu auch die “Auffindung des Moses” und die “Geburt Christi”, die sich auf der Wand des Jüngsten Gerichtes befanden und von Michelangelo 1534 beseitigt wurden. Der Zyklus schließt an der Wand der Haupteinganges mit dem “Streit um den Leichnam des Moses” und der “Auferstehung Christi” ab, beide stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die Schriftzüge oben sind erst kürzlich restauriert worden und werden “titula” genannt. Sie beziehen sich auf den Inhalt der sich darunter befindlichen Bildern.

- Linke Wand
Das erste Bild, die “Rückkehr des Moses nach Ägypten” wird Perugino zugeschrieben. Es stellt eine Begebenheit dar, die in der Bibel folgendermaßen beschrieben wird: “Moses nahm sein Weib und seinen Sohn. Er setzte sie auf den Esel und machte sich auf, nach Ägypten zurückzukehren. Er hielt den Gottesstab in seiner Hand.” (Exodus 4, 20). Aber während der Reise – und hier weicht das Gemälde von der biblischen Erzählung ab – wird er von einem Engel aufgehalten, der ihm die Beschneidung seinen zweitgeborenen Sohn befiehlt (rechts). Es folgt nun das Bild mit den “Prüfungen und Begebenheiten aus dem Leben des Moses” von Botticelli und seiner Werkstatt. Es ist eines der umfassendsten Bilder durch die Vielzahl der Episoden. Rechts die Tötung des Ägypters, der einen Israeliten geschlagen hatte; die Flucht in das Land Midian, die Begegnung mit einigen Mädchen des Ortes und das Tränken der Herde, die Erscheinung des Herrn in einem Feuerbusch (links) und, oben in der Mitte, Gott erscheint dem Moses und befiehlt ihm vor seinem Angesicht, die Schuhe auszuziehen (Exodus 2, 11-20 und 3,1-6). Man beachte die zwei herrlichen Frauenfiguren im Vordergrund im typischen Stil Botticellis.
Der “Durchzug durch das Rote Meer” wird dem Maler Biagio d’Antonio (1446-1516) zugeschrieben. Moses und sein Volk auf der Flucht aus Ägypten werden von dem Heer des Pharao verfolgt. Es gelingt ihnen, das Rote Meer zu überqueren, da Gott die Fluten vor ihnen zurückweichen lässt und sie dann über den verfolgenden Ägyptern wieder schließt, die auf diese Weise zusammen mit ihren Pferden ertrinken (Exodus 14,23-30). Unten links stimmt eine Frau dem Herrn ein Danklied an (Exodus 15,1-20). Die “Übergabe der Gesetzestafeln” wird Cosimo Rosselli zugeschrieben. Das Gemälde erzählt die biblische Geschichte vom goldenen Kalb: Moses war auf den Berg Sinai gestiegen, um von Gott die Gesetzestafeln zu erhalten (Exodus 23, 12-15). Als er nicht zurückkam, scharten sich die Israeliten um den Priester Aaron, sammelten Ringe und goldenen Schmuck und gossen daraus ein Kalb, das sie auf einen Altar stellten, um es anzubeten. Als Moses mit den zwei Gesetzestafeln vom Berg herabgestiegen kam und sein Volk sah, das seinem Befehl, sich keinen Götzen zu machen, zuwidergehandelt hatte, zertrümmerte er voller Zorn die Tafeln (Exodus 32, 1-19). “Die Bestrafung des Korach, Datan und Abiram” von Botticelli erzählt davon, wie sich die Israeliten auf der Wanderschaft in das Gelobte Land über die ihnen von Moses auferzwungenen schwierigen Bedingungen beklagen und mit Gott hadern. Aber Gott bestraft sie, indem er die Erde unter ihren Füßen auftat, die sie mitsamt ihrer Habe verschlang (Numeri 16), Man beachte im Hintergrund der Szene den Konstantinsbogen aus Rom. Auch im “Vermächtnis und Tod des Moses” von Signorelli werden mehrere Episoden dargestellt: rechts erteilt Moses den Kindern Israels seinen Segen (Deuteronomium 33); links übergibt er den Befehlsstab an Josua. Oben in der Mitte deutet ein Engel auf des Gelobte Land und links ist der Tod des Moses zu sehen.


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