Stato della Città del Vaticano
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30 september 2009

Ansprache S.E. Kard. Giovanni Lajolo
Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl
Rom, 30. September 2009

Für die Einladung zu diesem Empfang anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Falles der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands, danke ich dem Herrn Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl, Seiner Exzellenz Hans-Henning Horstmann herzlich. Gerne teile ich die Freude an der Erinnerung an dieses grosses Ereignis, wenn auch nur in wenigen Worten.

1. Der Fall der Berliner Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 ist unvergesslich. In die ganze Welt gelangten die atemberaubenden Bilder des Zusammenbruchs eines Systems der Unterdrückung, die Bilder der unbändigen Freude über die Wiedergewinnung der für so lange Zeit niedergedrückten Freiheit und die Hoffnung auf die Wiederherstellung der Einheit des deutschen Volkes.
     Alle, auch jene, die in jenen Tagen von der geschlagenen Bresche weit entfernt waren, fühlten sich vereint in dem ungehemmten, aber nicht gewalttätigen Jubel jener jungen Menschen, jener Männer und Frauen, die mit Ungestüm die Mauer übersprangen, die lachten und weinten und die ihnen bekannte und unbekannte Bürgerinnen und Bürger der Freien Stadt Berlin und der Bundesrepublik Deutschland umarmten.
     Es war das Ende eines während mehreren Jahrzehnten herrschenden Regimes der Unterdrückung, und alles geschah ohne Blutvergiessen. Die Akteure waren genau die Menschen des Volkes, die von innen her die Mauer jenes unnatürlichen Zwangsregimes zertrümmerten. Man kann die moralische Kraft nur bewundern, mit welcher sie sich in jenem Moment ganz auf die demokratischen Werte ausrichteten und von gewalttätigem Hass weit entfernt waren.
 
2. Es darf aber auch nicht die glückliche politische Konstellation vergessen werden, welche jene Ereignisse ermöglichte, und teilweise förderte. Es sind Namen grosser Persönlichkeiten, die unvergesslich sind. Es waren Reagan, sein unmittelbarer Nachfolger, George H. W. Bush und Gorbatschow, die Häupter der beiden Supermächte, welche sich seit Jahrzehnten gegenüberstanden und die Welt teilten, und es war Bundeskanzler Kohl, der mit politischen Scharfsinn sofort den günstigen Augenblick erkannte und keinen Moment zögerte, um ihn nicht zu verpassen.

3. Neben diesen Staatsmännern darf aber eine andere Persönlichkeit nicht vergessen werden, welche ihren Einfluss nicht politisch, sondern moralisch geltend machte: Johannes Paul II. Sein Einfluss geschah vor allem durch seine eigene Person, mit dem geheimnisvollen Charisma, das aus ihr ausstrahlte, aber auch durch seine beständigen Botschaften, und nicht zuletzt dadurch, dass er mit ruhiger aber fast hammernder Beharrlichkeit, seine bedingungslose Unterstützung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc manifestierte. In dieser freien Gewerkschaft der vom christlichen Glauben und vom Vertrauen auf die Muttergottes von Jasna Gora getragenen Arbeiter darf in der Tat der Ursprung des Niedergangs des kommunistischen Systems gesehen werden, welcher sehr bald auf andere Staaten mit kommunistischen Regimes übergriff. Denn gerade die Existenz einer Gewerkschaft, die sich der kommunistischen Partei widersetzte – welche ja schlechthin die Partei der Arbeiter und die einzige echte Vertretung ihrer Interessen sein wollte –, gerade die Existenz einer solchen Gewerkschaft stellte den Hebel dar, welcher das Fundament der marxistisch-leninistischen Ideologie aus ihren Angeln aufhieb.

4. Interessant ist in diesem Zusammenhang das dritte Kapitel der Enzyklika vom Papst Johannes Paul II. Centesimus annus von 1991 wiederzulesen, welches den in seiner Kürze vielsagenden Titel trug: "Das Jahr 1989". Darin erfolgt eine Analyse der Gründe der positiven und befreienden Umwälzungen jenes Jahres. Jener grosse Papst nennt in erster Linie, wenn auch in allgemeiner Weise, die Gewerkschaft Solidarnosc (Nr. 23) und die Ineffizienz des kommunistischen Wirtschaftssystems. Für letztere sieht er den Grund in einer falschen Konzeption des Menschenbilds. Johannes Paul II. benutzt hierfür die folgenden bedeutungsvollen Worte, die ich mir wegen ihrer Wichtigkeit zu zitieren erlaube:
"Man kann den Menschen nicht einseitig von der Wirtschaft her begreifen und auch nicht auf Grund der bloßen Zugehörigkeit zu einer Klasse. Der Mensch wird am umfassendsten dann erfasst, wenn er im Kontext seiner Kultur gesehen wird, das heißt, wie er sich durch die Sprache, die eigene Geschichte und durch die Grundhaltungen in den entscheidenden Ereignissen des Lebens, in der Geburt, in der Liebe, im Tod, darstellt. Im Mittelpunkt jeder Kultur steht die Haltung, die der Mensch dem größten Geheimnis gegenüber einnimmt: dem Geheimnis Gottes. Die Kulturen der einzelnen Nationen sind im Grunde nur verschiedene Weisen, sich der Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz zu stellen; wird diese Frage ausgeklammert, entarten die Kultur und die Moral der Völker. Deshalb hat sich der Kampf für die Verteidigung der Rechte der Arbeit spontan mit dem Kampf für die Kultur und die Rechte der Nation verbunden.
Die wahre Ursache der jüngsten Ereignisse – setzt die Enzyklika fort – ist jedoch die vom Atheismus hervorgerufene geistige Leere. Sie hat die jungen Generationen ohne Orientierung gelassen und sie nicht selten veranlasst, bei ihrer ununterdrückbaren Suche nach der eigenen Identität und nach dem Sinn des Lebens die religiösen Wurzeln der Kultur ihrer Nationen und die Person Christi selbst wiederzuentdecken als einzige Antwort auf die im Herzen jedes Menschen vorhandene Sehnsucht nach Glück, Wahrheit und Leben. (…) Der Marxismus hatte versprochen, das Verlangen nach Gott aus dem Herzen des Menschen zu tilgen. Die Ergebnisse aber haben bewiesen, dass dies nicht gelingen kann, ohne dieses Herz selber zu zerrütten."
Waren ein eindrucksvoller Beweis für diese Worte des Papstes nicht die Kirchen Ostberlins, in denen sich Scharen von Menschen zu Mahnwachen zusammenfanden, die sich der Welt gegenüber mit dem Leitspruch präsentierten: "Wir sind das Volk"?

5. Es ist hier nicht der Ort, um mich länger mit jenem bedeutsamen Kapitel der Enzyklika Centesimus Annus zu beschäftigen, aber ich vertraue darauf, die Geduld der Anwesenden nicht zu missbrauchen, wenn ich daran erinnere, dass jene Enzyklika in gleicher Weise auch auf die Gefahren hinwies, die von einem Kapitalismus ohne ethische Regeln ausgehen (Nr. 35):
Der Gewinn – schrieb Papst Johannes Paul II –  ist nicht das einzige Anzeichen für den Zustand des Unternehmens. Es ist durchaus möglich, dass die Wirtschaftsbilanz in Ordnung ist, aber zugleich die Menschen, die das kostbarste Vermögen des Unternehmens darstellen, gedemütigt und in ihrer Würde verletzt werden. Das ist nicht nur moralisch unzulässig, sondern muss auf weite Sicht gesehen auch negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Unternehmens haben. Denn Zweck des Unternehmens ist nicht bloß die Gewinnerzeugung, sondern auch die Verwirklichung einer Gemeinschaft von Menschen, die auf verschiedene Weise die Erfüllung ihrer grundlegenden Bedürfnisse anstreben und zugleich eine besondere Gruppe im Dienst der Gesamtgesellschaft bilden. Der Gewinn ist ein Regulator des Unternehmens, aber nicht der einzige. Hinzukommen andere menschliche und moralische Faktoren, die auf lange Sicht gesehen zumindest ebenso entscheidend sind für das Leben des Unternehmens.
Es sind dies Wahrheiten, die in den vergangenen Jahren leider nicht ausreichend beachtet worden sind, was zu den bedauerlichen und noch nicht überwundenen Konsequenzen geführt hat, welche wir alle kennen. Diese Wahrheiten hat Benedikt XVI. in der kürzlich veröffentlichten Enzyklika Caritas in Veritate betont und vertieft.

6. Im Jahre 1989 befand ich mich nicht in Deutschland; aber ich war im Jahr 1996 als Nuntius dort, als ich die dritte Apostolische Reise von Papst Johannes Paul II. nach Deutschland vorbereiten durfte. Ich hatte die grosse Freude, ihn zusammen mit Bundeskanzler Kohl das Brandenburger Tor am 23. Juni 1996 durchschreiten sehen zu dürfen. In einer unvergesslichen Ansprache bezeichnete es damals Johannes Paul II. als  Tor der deutschen Einheit.

7. Es ist bekannt, dass diese deutsche Wiedervereinigung, will sie sich vollständig verwirklichen, nicht nur eine politische, sondern auch eine moralische sein muss. Es ist klar, dass sich die tiefen Spuren, die fünfzig Jahre Kommunismus in den Seelen hinterlassen haben, nicht gleichsam mit einem Pinselstrich auslöschen lassen. Die seelischen Wunden brauchen länger als die des Leibes, um geheilt zu werden. Ich zweifle aber nicht daran, dass die Konsolidierung des sozialen Zusammenlebens und Wirkens zwischen den beiden derart so lange künstlich getrennten Teilen Deutschlands stattfinden und Deutschland bald zu seiner eigenen inneren harmonischen Einheit gelingen wird. Diese kann jedoch nur aus seinen historischen, kulturellen, spirituellen und religiösen Wurzeln wachsen. Denn deswegen darf sich das Land zurecht rühmen, eine tragende Säule der Europäischen Union zu sein.
Indem wir mit Freude den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands feiern, wünschen wir von Herzen dem deutschen Volk, eine immer tiefere Einheit in den geistigen Werten, Wohlergehen, Frieden und – als Quelle und Siegel von all dem – Gottes Segen.

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